ÜBERSETZTE FASSUNG DER ANSPRACHE VON GÜLIZAR CENGIZ,DER VORSITZENDEN DES ALEVITISCH-BEKTASCHITISCHEN KULTURINSTITUTS E.V., ANLÄSSLICH DER FEIERLICHKEITEN ZU HIDIRELLEZ AM SONNTAG, DEN 8. MAI 2016

In einem Gedicht von Hayati (1487 – 1524) heißt es zutreffend:

Dank sei dem Herrn dafür;

Dass wir heute die Gesichter der Freunde sehen.

Drum ist keine Spur von Kummer und Sorge mehr

Denn heute wir sind alle von Freude erfüllt

Wir feiern auch dieses Jahr mit unserer Liebe und Freundschaft, mit unseren religiösen Gedichten und Liedern und mit unseren Tafelspeisen zusammen mit Ihnen den Tag der „Hidirellez“, an dem nach der Alevi-Bektaschi Glaubenswahrheit ein Treffen zwischen dem Heiligen Hızır und dem Propheten Ilyas, dem biblischen Elias, stattfand.

Daher möchte ich all unsere Gäste, die hierher gekommen sind, um zusammen mit uns diesen Tag zu gedenken, Herzlich Willkommen heißen. Wir fühlen uns sehr geehrt.

Wir haben Festtage, die Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Zielsetzung vereinen und unter ihnen Bruderschaft stiften. Diese Festtage, an denen die Menschen ihren Schmerz und ihre Freude teilen und den Anderen kennen lernen und Gespräche führen, verleihen unserem Leben eine besondere Bedeutung.

Die Hidirellez-Tradition ist eben einer dieser Festtage, die wir aus Anatolien hierher mitgebracht haben.

Bei der Hidirellez-Tradition handelt es sich nicht nur um einen Brauch und Glauben, den wir nur in Anatolien praktizieren, bei ihr handelt es sich zugleich auch um einen der ältesten kulturellen und religiösen Werte aller Glaubenswahrheiten und der Menschheitsgeschichte.

Die Hidirellez-Tradition, die aus Horasan kam und sich in Anatolien und auf dem Balkan etabliert hat, wird seit Jahrtausenden am Übergang des 5. auf den 6. Tag des Monats Mai mit speziellen Festen gefeiert, die Tag und Nacht stattfinden.

Hidirellez bezeichnet den Gedenktag, an dem sich einmal im Jahr der Heilige Hızır und der Prophet Ilyas treffen.

In machen Regionen kennen die Leute die Gestalt Hizir als einen Gesandten Gottes, während Hizir in anderen Regionen von den Menschen als eine weise Person akzeptiert wird, die sehr schwer zugängliche mystische Kenntnisse erworben hat.

Im Koran wird Hizir als eine weise Person dargestellt, der zusammen mit dem Propheten Moses eine Reise antritt und ihn immer wieder in Staunen versetzt.

Hizir als Prophet oder als eine weise Persönlichkeit ist inzwischen zu einem gemeinsamen Kulturgut der Menschheit geworden.

Hizir genießt sowohl bei allen in Anatolien lebenden Gemeinschaften als auch bei den Aleviten und Bektaschi eine hohe Wertschätzung. Er ist bekannt als der „Hizir mit dem grauen Pferd“, der den Menschen zur Hilfe eilt. Wenn jemand in die Ferne geschickt wird, wird er dem Hizir anvertraut, worauf der folgende Vierzeiler hinweist:

Ich schickte ein Kind in ferne Ländereien

Möge es dem „Hizir mit dem grauen Pferd“ anvertraut sein

Man sagt über dich Hizir, du seist der Wächter vieler fremder Gebiete

Schütze auch Anvertraute „Hizir mit dem grauen Pferd“

Die Redewendung „Hizir eilt zur Hilfe, wenn der Mensch in Not geraten ist“ ist für uns als eine Hoffnungsquelle zu verstehen.

Um Reichtum und Segen einer Sache zum Ausdruck zu bringen, sagt man auch „Hizir war wohl mit seiner Hand dran“.

Man glaubt, dass durch das Treffen von Hizir und Ilyas die Kräfte der Erde und des Wassers zusammenkommen und daraus eine Quelle des Reichtums für Menschen entsteht.

Nach unserem Glauben vereinigen sich in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai zwei Sterne, die aus dem Osten und dem Westen in Erscheinung treten.

In Moment der Vereinigung der beiden Sterne fließt aus den Quellen das Wasser der Unsterblichkeit, die Quellen der Wünsche geraten in starke Bewegung.

Es wird geglaubt, dass in diesem Moment alle Wünsche der Menschen in Erfüllung gehen.

Aus diesem Anlass wünschen wir uns,

  • dass die Heiligen uns und alle Menschen vor der Unterdrückung der Tyrannen und vor den Bosheiten der Bösen schützen
  • dass wir zu denen gehören mögen, welche die Religion als eine Herzensangelegenheit verstehen und nicht als ein bloßes Lippenbekenntnis empfinden,
  • dass wir zu denjenigen Menschen geformt werden, welche die Welt aus der Sicht der Einheit betrachten und bestrebt sind, die Menschen zu vereinen anstatt sie zu differenzieren,
  • dass die Einheit und der Zusammenhalt unter den Aleviten, Sunniten und Christen, die seit Jahrhunderten friedlich zusammen leben, weiterhin bestehen bleibe.
  • „Wenn die Unterdrückung des Tyrannen nicht gestoppt wird, hört auch die Peinigung der Unterdrückten nicht auf“. Diese Aussage stammt von Imam Ali, dessen Religion eine Glaubenswahrheit der Liebe und Toleranz ist. Mögen die, die dem Weg der Alevi-Bektaschi folgen, die sogenannten Religionsgelehrten, die für sie die Hauptschuld dafür tragen, dass der Islam mit Grausamkeit, Massaker und Unterdrückung in Verbindung gebracht, in Rechenschaft ziehen, weil eben diese Religionsgelehrten durch ihr falsches Handeln die Religion unter den Willen tyrannischer Unterdrücker gestellt haben und die Glaubensfragen in ihrem Sinne interpretiert und ihre Rechtsgutachten in Religionsfragen den Willen der Machthaber angepasst haben.

Mögen die Religionsgelehrten und die Staatsleute, welche die Verantwortung für die Menschen tragen, ihrer Verantwortung bewusst werden und mit gesundem Menschenverstand handeln, worauf der Vierzeiler von Nesimi hindeutet:

Ach Nesimi, lieber Nesimi

Wisse, das Wahre ist unveränderlich

Drum sind es die Religionsgelehrten

Vor Gott für alle Menschen verantwortlich

  • Mögen sie auch den Hünkar Hacı Bektaş Veli verstehen, der gesagt hat: „Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone“ und sich diesem Geist folgend für eine Gesinnung, für eine Weisheit stark machen, die nicht die Krone, den Thron als wertvoll betrachtet, sondern die Treue, das Wort halten, die Arbeit und die Mühlsal wertschätzt.

Möge die Seele von Yunus Emre in Frieden ruhen, der gesagt hat:

Wer ohne verrichtete Arbeit reich geworden ist                                                                  

Wer ohne Studium der Bücher glaubt weise geworden zu sein                                                                

Wer die Religion als sein Kapital ansieht                                                                                           

Der wird nur von Teufel geführt

Mögen die Heiligen uns davor schützen, dass wir es zu einem Reichtum bringen ohne dafür gearbeitet zu haben, dass wir glauben weise zu sein ohne Bücher studiert zu haben, dass wir die Religion als unser Kapital ansehen und dass der Teufel uns führt.

  • „Was man dir nicht antun soll, das sollst du auch anderen Menschen nicht antun“ heißt es in einem Ausspruch von Imam Ali. Mögen alle Menschen diese Weisheit verstehen und verinnerlichen und bemüht sein, Empathie für Andere zu entwickeln und durch das Einfühlungsvermögen sympathischer zu werden und den Glauben daran, dass andere auch Menschen sind und nicht anders als wir sind, nicht vergessen.
  • Mögen die Heiligen denen, die im Irak und Syrien und anderswo auf der Welt, im Namen des Islam Turkmenen, Kurden, Aleviten, Schiiten, Jesiden, Christen, Hanefiten unterdrücken, den rechten Weg zuweisen.
  • Mögen jene Menschen, welche die Frau nicht als gleichwertig ansehen und sich als ihre Herren betrachten, Frauen unterdrücken, ja sogar die vielen Morde an Frauen verursachen, Vernunft annehmen und Einsicht zeigen und Gewissenhaft handeln..
  • Möge Gott uns zu den Leuten machen, die dem Weg von Gott-Muhammed-Ali folgen, und uns die Kraft geben, dass wir unsere negativen Eigenschaften und ihre Gier überwinden und unsere Hände, Lenden und Zunge stets unter Kontrolle haben.

Möge alles für uns Gutes bringen

Mögen unsere Gesichter rein sein und gütig aussehen

Mögen unsere Taten rechtens und zahlreich sein

Mögen unsere Herzen anständig und behaglich sein

Abschließen möchte ich mit dem Alevi-Bektaschi Gebet ‚Gerçeğe Hü, Mümine Ya   Ali…

und mit einem Gedicht von Yunus Emre, in dem es heißt:

Lasst uns alle Freunde sein

Lasst uns das Leben für uns alle vereinfachen

Lasst uns lieben und geliebt werden

Denn niemand bleibt im Diesseits ewig

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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